Urfahren

Kinder lieben das Spiel mit dem Ur. Wer war dein Großvater, dein Urgroßvater, dein Ururgroßvater? So fragen sie irgendwann einmal, wenn sie diese deutsche Wortbildung kapiert haben. Und dann können sie endlos weiterfragen. Ahnenforschung interessiert sie nicht. Aber sie mögen Geschichten, die man ihnen über die Vorfahren erzählen kann. Unser Thomas hat dafür als Fünfjähriger ein passendes Wort gefunden: unsere Urfahren. Ein wunderbarer Versprecher.

Mein Urfahre Paul stammte aus Graun. Wer schon einmal über den Reschenpass gefahren ist, von Landeck nach Meran, von Österreich nach Italien, der kommt hier vorbei. Das Wahrzeichen der Gegend ist der Kirchturm im Stausee. Der Tourismusverband Südtirol macht damit Werbung. In jedem Prospekt ist das Bild zu sehen.

Der Kirchturm ist das Letzte, was von Graun übrig geblieben ist. Die meisten Leute in dem hoch gelegenen, kleinen Dorf waren bettelarm. Die Bergbauernhöfe konnten kaum eine Familie ernähren. In früheren Zeiten zogen die Männer als Bauhandwerker nach Deutschland und arbeiteten dort den ganzen Sommer lang als Steinhauer, Maurer, Zimmerleute oder Stukkateure. Sie reparierten Kirchen, Paläste und Brückenbauwerke, die im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden waren. Im Herbst kehrten die meisten in die Heimat zurück.

Paul kehrte nicht nach Graun zurück. Er wanderte bis ins Saargebiet und gründete dort eine große Familie. Das war vor 300 Jahren. Ich bin sein Urururururenkel.

Mailand braucht Strom. Deshalb baute eine italienische Firma oben am Reschenpass einen Staudamm und ein Wasserkraftwerk. Alle Bewohner von Graun mussten ihre Häuser verlassen und umsiedeln. Die Toten wurden aus ihren Gräbern geholt und weiter oben zum zweiten Mal beerdigt. Dann überflutete die kleine Etsch den ganzen Talboden mitsamt seinen Höfen und Ortschaften. Nur der Kirchturm ragt noch aus dem Stausee hervor.

Viele Urlauber halten am Parkplatz an und knipsen das merkwürdige Motiv. Es sieht ja genauso aus wie im Reiseführer! Ganz hübsch, mit der schneebedeckten Ortler-Gruppe im Hintergrund. Man kauft vielleicht noch ein Eis und fährt weiter.

Ach ja, noch etwas: Wenn man die Reihe von Pauls Vorvätern rückwärts weitergeht, trifft man auf: Clauß, geboren 1497. Sein Vater, dessen Name ich noch nicht kenne, war eingewandert. Er stammte aus dem Fränkischen, vielleicht aus der Gegend von Nürnberg. Aber das ist wieder eine andere Geschichte

Zurück zur Blog-Übersicht