Hab 'nen Onkel in Marokko

Marokko hat mich schon immer interessiert. Jetzt gab es endlich einen Grund, in dieses schöne Land zu reisen - sozusagen als Familienbesuch. Als kleine Gruppe steigen wir in den Billigflieger: meine Frau und ich, meine Schwester, mein Bruder und seine Frau.

In Marokko treffen wir unsere Tochter Maren, die für ein paar Monate dort lebt. Zusammen erkunden wir das Königreich. Wir besichtigen prachtvolle Paläste und uralte Koranschulen. Wir streifen durch das Gewirr der Souks und bestaunen die Handwerker bei der Arbeit: Weber und Gerber, Kupferschmiede und Mosaikleger. Wir feilschen mit Teppichhändlern und Taxifahrern, sehen die Zedern und den Schnee im Atlasgebirge und die krachenden Wellen und den Sonnenuntergang am Atlantik. Grandios.

Wir lassen uns von den weiten Landschaften verzaubern und von der blauen Stadt Chefchaouan. Wir hören die Muezzin rufen, morgens um halb fünf und mittags und abends, fünfmal am Tag, und wir hören die Störche klappern und die Esel und das Meer. Und die Stille. Wir essen Datteln und Tajines und Couscous. Und jede Menge frischer Orangen. Köstlich.

Es ist ein Familienurlaub mit doppeltem Boden, denn ich muss während der Reise immer wieder an Onkel Hans denken. Er war auch in Marokko, vor langer Zeit.

Onkel Hans hatte in Essen Drogist gelernt. Dann kam der Erste Weltkrieg. Onkel Hans wurde eingezogen und diente in der Armee, bis es eines Tages zu diesem Vorfall kam, über den niemand etwas Genaues weiß. Er war aufmüpfig gegenüber seinem Vorgesetzten und das vor versammelter Mannschaft, so raunt die mündliche Überlieferung in unserer Familie. Hans kam jedenfalls in Festungshaft und wurde danach "in Unehren" entlassen. Das muss, zu Kaisers Zeiten, in der bürgerlichen Gesellschaft den sozialen Bankrott bedeutet haben.

Onkel Hans verschwand von der Bildfläche, indem er sich zur französischen Fremdenlegion meldete. Sein Einsatzgebiet war Marokko, viele Jahre lang.

Dort lief der Kolonialkrieg auf vollen Touren. Frankreich beanspruchte das Land für sich und setzte seine Interessen mit Waffengewalt durch. Das wichtigste Instrument der fremden Staatsmacht war die Fremdenlegion, dieses Heer von vielen Tausend Mann aus unterschiedlichen Heimatländern, dem französischen Präsidenten direkt unterstellt.

Systematisch eroberten die Legionäre das Sultanat Marokko. Sie nannten das: Befriedung. Sie überzogen das Land mit ihrem Krieg, bekämpften einen Berberstamm nach dem anderen und brachten Leid und Tod über das Atlasgebirge hinweg bis in die Sahara. Brutal und erfolgreich.

In Marokko erinnern die Zeitungen am 29. März an den Jahrestag der Schlacht in der Provinz Tinghir, 1933. Es ist ein nationaler Gedenktag mit feierlichen Erklärungen, Aufmärschen und heroischen Erinnerungen.

Einen Mann aus Fes frage ich in einem stillen Moment, was er über die Kolonialzeit weiß. Er muss nicht lange überlegen: „Die Berber lebten praktisch im Gefängnis“, sagt er. –

Onkel Hans kehrte 1933 nach Deutschland zurück. Er heiratete Tante Mimi und eröffnete mit ihr in Recklinghausen ein gut gehendes Delikatessengeschäft. Kinder bekamen sie keine. Die Nichten und Neffen, die als Kinder zu Besuch kamen, erzählten mir später, was bei Onkel und Tante über dem Ehebett an der Wand hing: arabische Krummsäbel, fremde Fahnen und unbekannte Trophäen. Die Ferientage in Recklinghausen waren vielleicht ein bisschen langweilig, aber es gab leckeres Essen und Tante und Onkel waren vor allem: freundlich und liebenswürdig.

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